„Ich erzähle nunmehr die Geschichte des Zarathustra. Die Grundconception des Werks, der Ewige-Wiederkunfts-Gedanke, diese höchste Formel der Bejahung, die überhaupt erreicht werden kann –, gehört in den August des Jahres 1881: er ist auf ein Blatt hingeworfen, mit der Unterschrift: ‚6000 Fuss jenseits von Mensch und Zeit‘. Ich ging an jenem Tage am See von Silvaplana durch die Wälder; bei einem mächtigen pyramidal aufgetürmten Block unweit Surlei machte ich Halt. Da kam mir dieser Gedanke.“ (aus: Ecce homo, Kapitel Also sprach Zarathustra, 1., Friedrich Nietzsche)

Das heutige Engadin ist natürlich ein etwas anderes als jenes zu Nietzsches Zeit und man kann sich nur noch selten tatsächlich „jenseits von Mensch und Zeit“ fühlen, da mittlerweile viele Menschen dieses Paradies entdeckt haben. Allerdings hatte ich die fantastische Gelegenheit eine Nacht 10.000 Fuß jenseits von Mensch und Zeit zu verbringen und zwar völlig alleine in einer zu einem Hotelzimmer umgebauten Gondel am Gipfel des Piz Nair, welche von Anfang Juli bis Anfang Oktober für eine Übernachtung der besonderen Art gebucht werden kann. Als ich zum ersten Mal in der ersten Juli Woche von der Möglichkeit las eine Übernachtung dort buchen zu können, wurde ich leider enttäuscht, da die gesamten 3 Monate innerhalb von 10 Stunden ausgebucht waren 😲. Meine Enttäuschung wurde noch viel größer als ich eines Tages im Zuge einer Wanderung am Piz Nair oben war und diesen fantastischen Ausblick live sehen konnte.

Eine Nacht dort ganz alleine verbringen zu können, den Sonnenuntergang, Sternenhimmel und Sonnenaufgang zu erleben – welch ein Traum, dessen Erfüllung mir aber leider verwehrt bleiben sollte. Ein Blick auf die Buchungsseite zeigte nach wie vor keine freien Tage an, doch nur einen Tag danach hatte ich Glück, denn es hatte tatsächlich jemand storniert. Ich konnte dieses Glück im ersten Moment gar nicht fassen. Völlig hektisch und nervös habe ich das Buchungsformular ausgefüllt in der Angst es könne mir noch jemand zuvorkommen und ein paar Sekunden schneller sein als ich. Dem war zum Glück nicht so und die darauffolgenden Tage waren geprägt von einer unglaublichen Vorfreude und Aufregung ob dieses einmaligen Erlebnisses, welches mir bevorstand 🤩.

Dann war es endlich soweit und nach dem Check-In um 15 Uhr war ich von 17 Uhr bis 8 Uhr Früh tatsächlich völlig alleine auf über 3000 Meter! Ein wirklich unbeschreiblich Gefühl und einmaliges Erlebnis 🥰. Es fühlte sich tatsächlich an wie 10.000 Fuß jenseits von Mensch und Zeit zu sein. Dass ich das erleben konnte, macht mich unglaublich glücklich und es ist etwas woran ich mich sicherlich für den Rest meines Lebens erinnern werde. Das Oberengadin hatte mir bereits davor die schönsten Eindrücke beschert und unfassbare Glücksgefühle sowie ein ungeahntes Wohlbefinden in mir geweckt, aber dieses Erlebnis überragt für mich wirklich alles Bisherige 🥰.

Worte können dem nicht gerecht werden und ich kann keine passenden Beschreibungen dafür finden, allerdings kamen mir spontan einige Worte Nietzsches in den Sinn, als ich auf den Sonnenuntergang wartend auf der Terrasse saß, und somit überlasse ich dem Meister der Worte die Abschlusssätze dieses Blogeintrags:

„Man muss geübt sein auf Bergen zu leben, das erbärmliche Zeitgeschwätz von Politik und Völker-Selbstsucht unter sich zu sehen. Man muss gleichgültig geworden sein, man muss nie fragen, ob die Wahrheit nützt, ob sie einem zum Verhängnis wird. Eine Vorliebe der Stärke für Fragen, zu denen niemand heute den Mut hat, der Mut zum Verbotenen, die Vorherbestimmung zum Labyrinth. Eine Erfahrung aus sieben Einsamkeiten. Neue Ohren für neue Musik. Neue Augen für das Fernste. Ein neues Gewissen für bisher stumm gebliebene Wahrheiten. Und der Wille zur Ökonomie großen Stils, seine Kraft, seine Begeisterung beisammen behalten. Die Ehrfurcht vor sich, die Liebe zu sich, die unbedingte Freiheit gegen sich.“ (aus: Der Antichrist, Vorwort, Friedrich Nietzsche)

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